Was tun wenn’s brennt?
Künstliche Intelligenz bietet nicht nur die grösste Chance, die die Menschheit je geschaffen hat, sondern ist auch die grösste Gefahr. Höchste Zeit, sie in richtige Bahnen zu lenken.
Die Zeitspanne, in der neue Massenmedien und -technologien vom Markt aufgenommen werden, wird immer kürzer. Das ist nicht nur ein subjektives Empfinden, sondern eine statistisch nachweisbare Tatsache (siehe Grafik). Entscheidend ist in diesem Zusammenhang, dass uns die Zeit fehlt, um uns den Umgang mit der jeweiligen Technologie gründlich anzueignen.
Erschwerend kommt hinzu, dass frühere Technologien wie die Telefonie oder das Fernsehen sich im Lauf der Zeit kaum veränderten, digitale Formen aber laufend den Wünschen der Hersteller entsprechend angepasst werden oder sich den äusseren Gegebenheiten anpassen. In den vielen Jahren, die verstrichen, bis eine neue wegweisende Technologie folgte, konnten wir uns den Umgang damit teils besser, teils schlechter aneignen. Aber grundsätzlich galt die Regel, dass die Eltern und Erwachsenen einen Wissensvorsprung hatten. Das ist längst nicht mehr der Fall, und nicht selten hat sich die Expertise – zumindest in der Handhabung, wenn auch nicht unbedingt auf der inhaltlichen Ebene – verkehrt.
Doch wirklich im Griff hat die quecksilbrigen Medien kaum jemand. In der Inbox stapeln sich Tausende von Mails, SMS werden nicht mehr binnen Minuten oder gar Stunden beantwortet. Auf den sozialen Medien regieren die Lautesten und erwarten eine ebensolche Reaktion, was die Social-Media-Betreiber freut. Push-Nachrichten lenken uns von der Arbeit ab, von den Mobile-Games ganz zu schweigen. Kurz: Wir werden mehr und mehr abgelenkt und überfordert.
Künstliche Intelligenz strömt ein
In diesen medialen Strudel strömt seit Jahren künstliche Intelligenz ein. Eine Technologie, die nicht einmal ihre Schöpfer komplett verstehen, wie Professor Stuart Russell, Autor des KI-Standardwerks «Artificial Intelligence: A Modern Approach» festhält. Sie birgt ein unglaubliches Potenzial, aber auch massive Gefahren (dazu auch Marko Kovic). Die weiteren Entwicklungsstufen wie Artificial General Intelligence (AGI), die nicht nur einzelne Aufgaben besser lösen kann als wir Menschen, sondern generell alle, oder Artificial Super Intelligence, die unseren Intellekt in den Schatten stellen wird, bergen das Risiko der Vernichtung der Menschheit in sich. Das sagen nicht irgendwelche spinnerten Verschwörungstheoretiker, sondern Fachleute wie Stuart Russell, Geoffrey Hinton, der «Pate» der KI, Demis Hassabis, Gründungsmitglied von Google Deepmind, Sam Altman, CEO Open AI, und Elon Musk, CEO SpaceX und Tesla. Sie und viele weitere Wissenschaftler:innen vergleichen die Gefahr mit einem Atomkrieg; und die Wahrscheinlichkeit, dass es zur Apokalypse kommt, soll zwischen 10 bis 25 Prozent liegen.
Trotzdem setzen insbesondere China und die USA alles daran, zuerst den Rand der KI-Klippe zu erreichen. Präsident Trump lässt aktuell sämtliche KI-Regulierungsversuche aus dem Weg räumen, während China gemäss Russell ziemlich klare Regeln für die Entwicklung von KI festgelegt hat. Für die Wirtschaft sind die Milliarden, die in die Entwicklung gepumpt werden, zu verlockend. Warner werden als «Doomers», Weltuntergangspropheten lächerlich gemacht. Die ersten grossen Veränderungen werden in den nächsten zwei bis fünf Jahren erwartet. Sie werden in erster Linie den Arbeitsmarkt betreffen. Das ist nicht neu und kommt auch nicht überraschend. Oft wurde darüber diskutiert, aber konkrete Lösungsvorschläge – besonders auf politischer Ebene – stehen noch aus.
KI mischt den Arbeitsmarkt auf
Im Sommer 2023 produzierte der Bundesrat unverbindliche Allgemeinplätze und spielte den KI-Ball den Bildungsinstituten zu: «Im Bildungsbereich ist es entscheidend, dass sowohl die Lehrkräfte als auch die Jugendlichen über die notwendigen Kompetenzen verfügen. So enthalten die Lehrpläne aller Stufen des Bildungssystems ab der obligatorischen Schule sowohl die Entwicklung digitaler wie auch transversaler Kompetenzen. Insbesondere der Aspekt des kritischen Denkens soll die Schülerinnen und Schüler in die Lage versetzen, ethische Fragen in Bezug auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz einzubeziehen und sich so eine Meinung bilden zu können.» Wie das aussehen soll, wenn Schulen und Lehrpersonen bereits im Umgang mit Smartphones und den Auswirkungen von sozialen Medien und Games überfordert sind, steht auf einem anderen Blatt.
Im Oktober 2025 veröffentlichte das KOF Institut der ETH Zürich die Studie «KI und der Schweizer Arbeitsmarkt: Erste Evidenz zu Auswirkungen auf Arbeitslosigkeit und Stellenausschreibungen». Sie zeigt unter anderem Folgendes auf: «Nach der Einführung grosser Sprachmodelle steigt die Arbeitslosigkeit in den meisten der stark exponierten Berufe stärker an als in der Vergleichsgruppe mit niedriger KI-Betroffenheit. Besonders ausgeprägt ist der relative Anstieg bei Anwendungsprogrammierer:innen, Softwareentwickler:innen und Systemanalytiker:innen. Hier erhöhte sich die Arbeitslosigkeit fast doppelt so stark wie in wenig exponierten Berufen. Das gilt insbesondere für jüngere Arbeitskräfte.» Die Zahl der arbeitslosen Stellensuchenden stieg gemäss Registerdaten der Arbeitslosenversicherung in stark exponierten Berufen um bis zu 27 % stärker als in weniger exponierten Berufen. Dies erscheint besonders bitter in Anbetracht der in den vergangenen Jahren lancierten Initiative zur Steigerung der Attraktivität der sogenannten MINT-Fächer (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technologie) an Schulen.
Nicht wie andere Technologien
Die Autoren der Studie fragen zum Schluss: «Ist es plausibel, dass generative KI-Sprachmodelle bereits in den ersten drei Jahren nach ihrer Einführung derart sichtbare Spuren auf dem Arbeitsmarkt hinterlassen haben? Bei früheren Technologiewellen – etwa bei der Einführung der ersten Bürocomputer oder Industrieroboter – dauerte es Jahre bis Jahrzehnte, bis sich Effekte auf dem Arbeitsmarkt zeigten, etwa in Bezug auf Arbeitslosigkeit und Berufsstruktur. Ein möglicher Unterschied hierbei ist allerdings, dass die Diffusion der KI-Sprachmodelle durch die Anbieter und ihre Adaption im Arbeitsprozess durch die Unternehmen in diesem Fall sehr schnell vonstattenging. So hatte ChatGPT innerhalb weniger Monate Milliarden Nutzende weltweit. Die Technologie war zudem sehr einfach zu adaptieren. Sie ist kostengünstig, ihr probeweiser Einsatz ist mit wenigen betriebswirtschaftlichen Risiken verbunden und erfordert geringe technische Zusatzinvestitionen auf Unternehmensseite. (…) Im Gegensatz dazu ist die Einführung eines neuen Softwaretools oder die Anschaffung eines Industrieroboters kostspieliger, komplexer und betriebswirtschaftlich unsicherer. Gleichzeitig können wesentliche Investitionen in (rares) Humankapital sowie Anpassungen im Bereich der eingesetzten Maschinen, Bauten und Technologien erforderlich sein. Deshalb erscheint es uns plausibel, dass die Geschwindigkeit ihrer Verbreitung der grösste Unterschied von KI im Vergleich mit anderen Technologien hinsichtlich ihrer Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt ist. Die Geschwindigkeit macht Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt wahrscheinlicher, da den betroffenen Arbeitnehmenden die Zeit fehlt, sich an die veränderte Arbeitsnachfrage anzupassen.»
Lösungsvorschläge mit Blick auf das Bildungssystem bleibt die KOF-Studie zum Schluss leider schuldig. Interessant ist aber die Liste, der Berufe, mit der niedrigsten KI-Betroffenheit: Küchenhilfen, Hilfsarbeiter:innen im Tiefbau, Reinigungspersonal, Näher:innen, Athlet:innen und Berufssportler:innen, Hauswarte und Steinmetz:innen.
Ausweichen auf Symbolpolitik
Im Gespräch mit Podcaster Steven Bartlett erklärt Professor Stuart Russell, dass im Zeitalter von AGI uns ziemlich alle Arbeit abgenommen werden wird. Roboter, die mit millimeterkleinen Instrumenten arbeiten können, werden Chirurgen an Präzision und Fertigkeit übertreffen. Russell geht von 80% Arbeitslosigkeit aus und stellt zu Recht die Frage: «Wie in aller Welt soll der Zusammenhalt unserer Gesellschaft weiter bestehen?» Er erachtet es als verantwortungslos, dass die Firmen hinter dem KI-Boom nicht wissen, wie sie die Systeme kontrollieren wollen, die sie bauen. Und: «Ich finde es enttäuschend, dass Regierungen (besonders von bevölkerungsreichen Ländern) sich dieser Problematik nicht annehmen.»
Konfrontiert mit dieser Ohnmacht verlegen sich Regierungen lieber auf Verbote, die wenig mit KI zu tun haben. Handys sollen an Schulen verschwinden. Dagegen ist nichts einzuwenden, wenn der sinnvolle Umgang mit dem omnipräsenten Gerät dennoch unterrichtet wird. Gemäss Generationenbarometer 2025 sprechen sich 82 Prozent der Befragten im Alter von 18 bis über 75 Jahren für ein Smartphone-Verbot an Schulen aus. Seit vergangenem Dezember ist in Australien Jugendlichen unter 16 Jahren der Zugang zu sozialen Medien verwehrt – inklusive Youtube. Die australische Kommunikationsministerin Anika Wells sagte gemäss der NZZ: «Wir sind stolz darauf, die Ersten zu sein, und wir sind bereit, allen anderen Ländern zu helfen, die ebenfalls ein solches Verbot umsetzen möchten.» Die Symbolpolitik findet Anklang, schliesslich tun die Politiker:innen «etwas». EU-Kommissions-Präsidentin Ursula von der Leyen lobte das entschiedene Vorgehen der Australier. Weitere Länder dürften folgen. Dänemark hat ein ähnliches Gesetz vorgeschlagen.
In Grossbritannien wurde 2025 der «Online Safety Act» in Kraft gesetzt. Er zwingt bestimmte Websites, allen voran Porno-Plattformen, ihren Nutzerinnen und Nutzern nur noch nach Vorlage eines Ausweises oder über digitale Identitätsmethoden den Zugang zu erlauben. «Bereits wenige Tage nach Inkrafttreten des ‘Online Safety Acts’ halbierte sich die Zahl der Zugriffe auf grosse Sites wie Pornhub und Co.», hat Cyberia-Redaktor Ronnie Meier geschrieben. «Gleichzeitig stieg die Nutzung von VPNs sprunghaft an. Experten nehmen an, dass VPNs sowohl von Jugendlichen als auch Erwachsenen genutzt werden, die ihre Privatsphäre schützen wollen.» VPN steht für Virtual Private Network, dieses verschlüsselt die Verbindung und verschleiert den Standort: So umgehen viele Nutzer die neuen Sperren und wahren ihre Anonymität.
Noch mehr verbieten
Wenig überraschenderweise folgten in den USA und Grossbritannien unter dem Prätext des Jugendschutzes Vorstösse, VPN-Programme zu verbieten, wie dies in China und anderen totalitären Staaten bereits der Fall ist. Die Nutzung von VPN ist bei Weitem nicht auf schlüpfrige Sites und widerrechtliches Verhalten beschränkt, sondern ein legitimes und empfehlenswertes Vorgehen zum Schutz der Privatsphäre und der persönlichen Sicherheit im Online-Verkehr. Wer im Home Office arbeitet, wird zum Beispiel vom auf Sicherheit bedachten Arbeitgeber angehalten, ein VPN-Programm zu nutzen, weil damit eine direkte Verbindung hergestellt werden kann. Der Schutz unserer Kinder ist ein kostbares Gut, aber er darf nicht für die Einschränkung der Meinungsfreiheit und der Privatsphäre missbraucht werden.
Liebesbeziehungen zu Chatbots
Wer Kinder- und Jugendpsychiatern zuhört, muss feststellen, dass der problematische Umgang mit sozialen Medien bereits in den Hintergrund gerückt ist. Neu treten in Kliniken Patient:innen ein, die Liebesbeziehungen zu Chatbots entwickelt haben oder versucht haben, sich von ihnen therapieren zu lassen. Auch dürfte das Gefühl von Aussichtslosigkeit aufgrund der Multikrise, die sich aus Klimaerwärmung, Kriegen und der eben beschriebenen Entwicklung zusammensetzt, mit den Fortschritten und der weiteren Verbreitung von Large Language Models wie ChatGPT und der erwarteten Einführung von Artificial General Intelligence in den nächsten Jahren zunehmen.
Was tun, wenn’s brennt? Zuerst einmal merken, dass es brennt. Symbolpolitik, wie sie aktuell gepflegt wird, ist kontraproduktiv. Sie lenkt ab und verleitet zu Selbstgefälligkeit. Künstliche Intelligenz ist nicht nur die grösste Chance, die die Menschheit je geschaffen hat, sondern auch die grösste Gefahr. Die Trägheit des politischen und des Bildungssystems sind dabei keine Hilfe. Diese Herausforderung lässt sich nicht wie vieles zuvor aussitzen. Es ist höchste Zeit, künstliche Intelligenz weltweit in die richtigen Bahnen zu lenken und von Experten skizzierte Szenarien ernst zu nehmen – auch in der Schweiz.
Wie’s geht oder zumindest ein ernstzunehmender Ansatz, um den verschiedenen KI-Themen zu begegnen, hat Singapur vorgemacht. Die Nummer 3 – nach China und den USA – in Sachen KI hat mit der «National AI Strategy 2.0» 2023 eine Weiterentwicklung der bereits 2019 vorgestellten Strategie präsentiert. Zentral ist dabei die Transformation der Arbeitskräfte, die überdurchschnittlich stark von den Einflüssen der KI betroffen sein werden. Die Strategie gibt aber auch einen Rahmen vor, in dem sich der Einsatz von KI zu bewegen hat.
Quellen:
https://aistatement.com
https://www.bbc.com/news/uk-65746524
https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20233644



