Tierisch menschlich
Um ihre Gefühle auszudrücken, entwickeln neurodiverse Teenager Coping-Strategien. Eine Ausdrucksform ist die Gemeinschaft der Therians, die sich mit Tieren identifizieren.
Vivian Kurgod Matha (18)
Es ist bereits bekannt, dass sich innerhalb von Gruppierungen, besonders auf dem Internet, Ideale und Verhaltensweisen bilden, die ungesund sind und zu Konsequenzen im realen Alltag führen. Therians werden oft als eine solche Gruppierung angesehen. Dabei handelt es sich um Leute, meist Kinder und junge Teenager zwischen 10 und 16 Jahren, die sich als Tiere, meist Wölfe oder Katzen, verkleiden und sich oft damit identifizieren.
Man trifft sie vermehrt auf TikTok an, wo sie in Tiermasken auf vier Beinen laufen, springen und tierisches Verhalten an den Tag legen. Dazu gehören auch die sogenannten «Switches», bei denen Leute sich dabei filmen, wie ihre «tierische Seite» unkontrollierbar aus ihnen herausbricht. Innerhalb dieser Gruppe gibt es jedoch wiederum kleinere Gruppierungen, die andere Vorstellungen davon haben, was es bedeutet, ein Therian zu sein. Manche behaupten, in ihrem vergangenen Leben ein Tier gewesen und im falschen Körper geboren worden zu sein, während andere sich auch körperlich als Tiere ansehen und dritte nur eine spirituelle Verbindung zu dem Tier spüren.
Weiter gibt es eine Gruppe, die behauptet, dass man nur ein Therian sei, wenn man sich ständig so nahe wie möglich am Verhalten des Tieres orientiert. Darunter zählen Aktionen wie das Beissen anderer Leute in der Öffentlichkeit und das Konsumieren von rohem Fleisch und Tierfutter. Diese Meinungen werden jedoch von moderateren Therians kritisiert. Wegen dieser Extremformen wird oft über Therians hergezogen. Und deshalb werden sie sowohl online als auch im echten Leben heftig gemobbt.
Neben den Therians gibt es weitere grössere Communitys, die Otherkin und die Furrys. Otherkin identifizieren sich ebenfalls mit nichtmenschlichen, teils fiktionalen Wesen oder Konzepten wie Engeln, Roman-, Comic- oder Filmfiguren oder Naturkräften wie Sternen. Die Furrys wiederum verkleiden sich als antropomorphe Tiere. Im Vergleich zu den Therians und Otherkin identifzieren sie sich nicht mit ihren Alter Egos.
Das Gefühl der Andersartigkeit
Es ist wichtig zu verstehen, wie und weshalb sich solche Gruppierungen bilden. Die meisten Therians sind junge Teenager, die neurodivergent sind. Sie haben oft Schwierigkeiten, in einer menschlichen Gemeinschaft integriert und akzeptiert zu werden. Sie werden vielfach gemobbt. Es fällt ihnen schwer, Beziehungen zu anderen Menschen zu knüpfen. Dies führt zu einem Gefühl der Andersartigkeit, mit dem neurodivergente Personen bereits früh im Leben konfrontiert werden. Dies kann auch dazu führen, dass sie sich nicht als menschlich ansehen. Um damit umzugehen, entwickeln sie sogenannte Coping-Strategien, um ihre Gefühle auszudrücken und einen Raum zu schaffen, in dem sie sich nicht verstellen müssen.
Es gibt diverse Coping-Strategien, und bei vielen werden diese durch verschiedene Arten von Kunst oder durch starke Involvierung in Fanbases ausgedrückt. Therians erfüllen ebenfalls diese Kriterien, da sie eine sozial wenig akzeptierte Gruppe sind und gleichzeitig eine «Nichtmenschlichkeit» darstellen. Wenn nun junge neurodivergente Leute auf Therians stossen, deren Bekanntheitsgrad in den vergangenen Jahren exponentiell zugenommen hat, können sie sich leichter in eine bereits bestehende Gruppe eingliedern, als ihren eigenen Coping-Mechanismus zu entwickeln. Unter Therians finden sie ein Gemeinschaftsgefühl, etwas, was ihnen meist ihr Leben lang gefehlt hat.
Schädliche Ausprägungen
Im Kontext der Therian-Bewegung gibt es einige Elemente, die kritisch betrachtet werden müssen. Viele Therians auf Social Media sind sehr performativ und agieren primär danach, was ihnen mehr Aufmerksamkeit gibt. So kommt es oft zu übertriebenen Aussagen und Aktionen, die laut ihnen ein notwendiger Teil seien, um sich Therian nennen zu können. Darunter werden aggressive Verhaltensweisen und das Konsumieren von für Menschen schädlichen Dingen gezählt wie rohem Fleisch oder Tierfutter.
Besonders Kinder und junge Teenager haben noch kein ausgeprägtes Identitätsgefühl. Sie hinterfragen derartige Aussagen nicht und nehmen Verhaltensweisen an, die ihnen schaden. Ausserdem werden Themen wie Identitätsfindung und psychische Gesundheit, was besonders für neurodivergente Kinder wichtig ist, in der Community nie behandelt. Dies ist ein Problem, das vielfach in Internet-Gruppierungen auftritt, deren Mitglieder sehr jung sind. Ebenfalls kann man dies in der Jirai-Community erkennen, über die ich bereits geschrieben habe
(https://www.cyberia.media/p/mode-oder-psychische-gefahrdung-die ). Ältere Leute in diesen Gruppen engagieren sich meistens nicht mehr online oder jedenfalls nicht mehr in diesen spezifischen Communities, da es ihnen wichtig ist, innerhalb der Gruppe über Themen wie «mental health» kritisch zu diskutieren und einander zu unterstützen. Dies ist ihnen in den Mainstream-Communities voller junger Leute meist unmöglich, da diese hauptsächlich performativen Content posten und über ihre eigene geistige Gesundheit entweder noch nicht diskutieren können oder nicht den Wunsch haben, sie zu verbessern.
Es ist weder hilfreich noch sinnvoll, Therians zu verstossen oder lächerlich zu machen. Der Fokus sollte vielmehr darauf liegen, sicherzustellen, dass Therians innerhalb ihres Kreises den Umgang mit Content auf dem Internet kritisch reflektieren und idealerweise eine eigene Identität entwickeln können.
Illustration: Marc Bodmer x Perplexity

