Wie die Zeit vergeht
Eine philosophische Betrachtung.
Ronnie Meier (18)
«Die Zeit vergeht nicht schneller als früher, aber wir laufen eiliger an ihr vorbei.»
- George Orwell
«Die Zeit vergeht immer schneller.» Gemeint ist selten die Uhrzeit selbst, sondern das Gefühl, dass Wochen verschwimmen, Monate kippen und Erinnerungen sich schneller stapeln als Erlebnisse. Was sich verändert hat, ist nicht die Zeit, sondern wie wir sie nutzen. Technologien verdichten Ereignisse. Botschaften brauchen nicht mehr Tage, sondern Sekundenbruchteile, um die Empfänger zu erreichen. Zwischen zwei Gedanken passen plötzlich zehn Benachrichtigungen. Technisch betrachtet leben wir in immer kürzeren Zyklen. Server antworten in Millisekunden, Algorithmen optimieren Inhalte in Echtzeit, Updates erscheinen nicht mehr jährlich, sondern fortlaufend. Kaum ist etwas veröffentlicht, ist es bereits veraltet. Kaum ist etwas gelernt, wird es ersetzt.
Diese Beschleunigung hat eine Nebenwirkung: Sie löscht Pausen. Systeme sind darauf ausgelegt, Wartezeit zu minimieren, und damit auch Leerlauf, Langeweile, Übergänge. Doch genau dort entsteht Orientierung. Ohne Verzögerung fehlt der Kontrast. Alles wird gleich wichtig, gleich dringend, gleich flüchtig. Alles wird gleich. Die Art, wie wir Zeit erleben, wurde neugestaltet, effizienter, reibungsloser und glatter. Und: Auf glatten Oberflächen werden weniger Spuren hinterlassen. Es bleibt nichts hängen.
Dabei entsteht Bedeutung fast nie im Moment selbst, sondern dazwischen. Erst mit Abstand wird aus Information Erfahrung, aus Ereignissen Erinnerung. Nicht jede Lücke muss gefüllt, nicht jede Sekunde genutzt, nicht auf jeden Impuls reagiert werden. Ab und zu muss man bewusst eine Pause einlegen und mehr davon tun, was man tun will.
Illustration: Marc Bodmer x Perplexity

