Angriff der Roboter (oder so)
Manipulative Elemente in Computerspielen, Dark Patterns, sind omnipräsent. Haben sie sich verändert? Ein Rückblick auf die Entwicklung.
Quirin Gerosa (20)
Diese letzte Cyberia-Ausgabe spiegelt meinen Weg mit Cyberia wider: Zuerst wollte ich nicht, dann nur sehr bedingt, und am Schluss schrieb ich trotzdem. Das Finale ist Anlass für mich, mein Hauptthema, mit dem ich angefangen habe, nochmals aufzugreifen: die Dark Patterns der Gaming-Industrie. Dabei blicke ich auf das Gesamtbild und versuche die grössten aktuellen und kommenden Trends zu erfassen.
Die Ewigen
Vieles ist gleichgeblieben, Dark Patterns verschwinden meistens nicht mehr, wenn sie entdeckt und erfolgreich von Herstellern eingesetzt wurden. Zu gross ist der Nutzen, den die Entwickler und Game-Verlage aus ihrer Implementation ziehen. Viele Dark Patterns verändern sich jedoch. Oft ändert sich die Präsenz der genutzten Mechanismen, meist in Anpassung an ähnliche Spiele oder grössere Trends: Wenn ein Game in der Kritik steht, weil es sich zu sehr in Richtung des «Pay to Win»-Prinzips bewegt hat, bei dem der Sieg durch Echtgeld-Investitionen in spielerische Vorteile gekauft wird, werden andere Spieleentwicklungen deshalb verzögert oder gar zurückgezogen. Kein Studio will zur Zielscheibe der erzürnten Gaming-Community, der Presse oder in den gravierendsten Fällen des Gesetzgebers werden.
Ein neuerer Trend baut auf der digitalen Distribution auf. Statt des Spiels an sich werden zunehmend Nutzungsrechte am Game verkauft. Dieses Geschäftsmodell erlaubt es den Spielepublishern bei Live-Service Games, also jenen Videospielen, die auf eine durchgehende Internetverbindung zum Spielserver angewiesen sind, bei Bedarf – wenn ein Game sich beispielsweise kommerziell totgelaufen hat – abzuschalten. Ein solcher Schritt ist für den «Besitz» des Games problematisch. Mit dem zeitlich begrenzten Erwerb der Nutzungslizenz verschwinden auch die Eigentumsrechte des Spielenden zum Beispiel an selbst kreierten Inhalten, was aus Konsumentensicht beunruhigend ist.
Neue Muster?
Wirklich neue Dark Patterns gibt es nicht. Doch dafür gibt es unzählige neue Varianten und Umsetzungen. Diese erschliessen neue Möglichkeiten, um den Spieler zu lenken, aber ihre grundlegende Funktionsweise bleibt gleich.
Mittlerweile haben die Dark Patterns aber einen neuen Partner: künstliche Intelligenz (KI). Waren sie zuvor statisch und für jeden Spieler gleich, bietet KI die Möglichkeit, das Spielerlebnis aufgrund von Spieldaten individuell anzupassen. Jedem Gamer, jeder Gamerin jubelt die KI Anreize unter, die auf deren persönlichen Schwächen abgestimmt sind. Konzeptionell könnte das dazu führen, dass die KI-Dark-Patterns die Spielenden, je nach Anfälligkeit, nach Belieben manipulieren. Die Möglichkeiten scheinen unendlich zu sein. Der symbolische Kaninchenbau des Games lässt sich so zum attraktiven Labyrinth umgestalten, ohne dass der Spieler etwas davon bemerkt. Ob dieses Unwissen genutzt wird, um den Spieler dazu zu verleiten, mehr Zeit im Game zu verbringen, (noch) mehr Geld auszugeben oder ihn sonst wie zu manipulieren, ist aus technischer Sicht egal, die Umsetzung bleibt gleich und verspricht eine Steigerung der Summen auf dem Konto der Spieleentwickler.
Wartet die Gaming-Welt nur noch auf ihren KI-Overlord?
Die Möglichkeit der KI-Nutzung ist beängstigend, da sie nicht geregelt und unbegrenzt ist. Es gibt keine gesetzlichen Vorschriften wie in der Glückspielindustrie oder Regeln, die die Konsumenten schützen. Schon heute werden mit Dark Patterns in Games die Grenzen des ethisch Vertretbaren ausgereizt und manchmal auch überschritten. Die Risiken der neuen KI-Dimension lassen sich schlecht abschätzen. Ein wichtiger Faktor ist, wie diese Möglichkeiten genutzt werden. Die Zeit wird zeigen, wie sich die Gaming-Welt verändert. Die KI ist da, und sie wird dableiben. Sie ist aus dem Entwicklungsprozess von Games nicht mehr wegzudenken, sie programmiert, entwirft Grafiken, steuert nicht spielbare Figuren in Games, generiert Levels und testet das Computerspiel. Vor allem der Aspekt, dass die KI die Grafik eines Spiels gestaltet, ist umstritten. Die Debatte verläuft ähnlich wie bei KI-Kunst. Der Aufschrei der Gamer-Gemeinde war riesig, als angekündigt wurde, dass die Skins (kosmetische Anpassungsmöglichkeiten, Outfits der Spielerfigur, die für Geld erworben werden können) im neuen «Call of Duty» von KI generiert sein werden. Noch wird Widerstand geleistet, aber die Frage ist, wer den längeren Atem hat – die Community oder die Hersteller?
Illustration: Marc Bodmer x Perplexity

